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Gut ist gut genug Mut zur Lücke

Von Bianka Bleier


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Nanduu/photocase.de

Ich bin überm Berg, stellt Bianka Bleier fest. Die Lebensmitte ist erreicht, manches Erträumte ist nicht eingetroffen,manch großes Glück lässt sich nicht wiederholen. Aber was bedeutet das denn? Zählt etwa nur das perfekte Glück?

Ich bin in einem Alter, für das es viele neue Ratgeber mit Stichworten wie „Lebensmitte“, „Loslassen“ oder „Wachstum in der Krise“ gibt. Wie das so meine Art ist, lese ich mich folgsam in die neue Lebensphase hinein und es gibt ja durchaus auch vernünftigeHilfestellungen im Wirrwarr des Ratgeberdschungels. Neben manch ernüchternden Erkenntnissen, die wohl an der Zeit waren, wird mir eine immer klarer: Ich bin überm Berg! Mein Hormonstatus geht den Bach runter, meine Leistungskurve hat ihren Gipfel überschritten und ehe ich mich versehe, beginnt mit dem Erreichen der Lebensmitte für mich eine Talfahrt, die sich ungefähr so rasant anfühlt wie eine Schlittenfahrt in Kindertagen.

Loslassen

Die Zeit der großen Aufbrüche ist vorbei. Viele Weichen längst gestellt. Ich habe nicht einmal mehr subjektiv betrachtet alle Zeit der Welt. Es geht nicht mehr ständig darum, Neues zu lernen, Berge zu versetzen, für unmündige, hilflose, sich selbst suchende, erwachsen werden wollende Angehörige ersten Grades mitzudenken und zu entscheiden. Das scheint so sein zu dürfen. Loslassen bringt mit sich, dass tatsächlich auch Belastungen abnehmen, Pflichten weniger werden und mit dem letzten Kind, das das Haus verlässt, stelle ich erstaunt fest, dass ich nie mehr morgens um 6.13 Uhr aufstehen muss, um ihm Frühstück zu richten, dass ich nie mehr mit einem Kind Englisch, Deutsch, Mathe und Co lernen muss, keine Schulmaterialien mehr kaufen, keine Elternabende mehr absitzen muss … Aber kaum ist diese Etappe geschafft, werden unsere Eltern hinfälliger und ich finde mich in unbekanntem Terrain wieder. Die Rollen ändern sich. Meine Kinder brauchen mich weniger, meine Eltern mehr. Statt mich an sie anlehnen zu können wie gewohnt, werden sie anlehnungsbedürftig. Erst habe ich meine Kinder ins Leben hinein-, dann meine Eltern herausbegleitet. Altvertraute Sicherheitsnetze bekommen Risse und am Horizont tauchen neue Gefahren auf. Auch meine Gesundheit wird zerbrechlicher.
Viele Lebensprojekte sind abgeschlossen, neue noch nicht in Sicht. Aber Kraft ist noch da und auch Lust, und die innerliche Erlaubnis, das Leben nun langsamer anzugehen. Nicht mehr mit voller Kraft voraus, aber noch einmal mit halber Kraft weiter, gerne, ja.
Hin und wieder die Erkenntnis, dass manch großes Glück sich nicht wiederholen lässt. Ich werde nie mehr gebären, stillen, erziehen und ein Teil von mir ist auch heilfroh darüber, aber ich bin nun auch ausgeschlossen von diesem Wunder der Schöpfung. Es sei denn, meine Kinder fangen an sich zu vermehren. Wie sich das anfühlt, weiß ich noch nicht. Vielleicht wäre dieses „halbe Glück“ sogar auf neue Art wunderbar … Ich nehme Abschied von meiner Mutter und erlebe, was es heißt, sich erst im Himmel wieder sehen zu dürfen – Heimweh … Überhaupt gewinnt der Himmel an Bedeutung in dem Maß, wie liebe Menschen dorthin übersiedeln und mir dadurch meine eigene Wahlheimat dort bewusster wird. Immer weniger als abstrakter Ort, von demich wenig weiß, immermehr wie ein verheißungsvolles Urlaubsziel.


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